Am Donnerstag wurde in Rom eine umfangreiche Studie über das Glücksspielverhalten der Italiener veröffentlich. Die Ergebnisse schockieren, denn nicht nur sollen 1,5 Millionen Italiener spielsüchtig sein, es sollen sich auch 700.000 Minderjährige am Glücksspiel beteiligen.

Spielautomat

Spielsucht in Italien ein großes Problem (Bild: Wikimedia)

Italiens Verzweiflung mit seinen Problemspielern

Während der Aufschrei über Italiens radikales Glücksspielwerbeverbot bei internationalen Anbietern nach wie vor groß ist, hat man innerhalb des Landes ganz andere Glücksspielsorgen.

So wurden am Donnerstag in der italienischen Hauptstadt die Ergebnisse einer Langzeitstudie zum Glücksspiel in Italien präsentiert. Die darin enthaltenen Statistiken liefern besorgniserregende Daten.

Die Studie wurde im Jahr 2017 in Zusammenarbeit des Ministeriums für Gesundheit und Soziales (Istituto Superiore di sanità, ISS) und der italienischen Zollverwaltungsbehörde (Agenzia delle dogane e dei monopoli) begonnen und aus mehreren Teilen zusammengesetzt.

Istituto Superiore di Sanità in Rom

Das ISS in Rom leitete die Studie an (Bild: Wikipedia)

Der Hauptteil der Studie bestand aus einer tiefgehenden Analyse des Spielverhaltens von 12.007 teilnehmenden Erwachsenen zwischen 18 und 65 Jahren. Von diesen waren 47,6 % Männer und 52,4 % Frauen.

Dabei kam zunächst heraus, dass jeder dritte Erwachsene mindestens einmal im Jahr am Glücksspiel teilnimmt. Hochgerechnet auf die Italienische Bevölkerung sind dies insgesamt 18 Millionen Menschen.

Roberta Pacifici, die ISS Leiterin des Nationalen Zentrums für Sucht und Doping, erklärte, dass zwar der Großteil in moderatem Rahmen und eher in Gemeinschaft bei sozialen Anlässen spiele, aber immerhin 3,4 Millionen Menschen zur Risikogruppe der Spielsüchtigen gehörten.

In diese Zahlen eingerechnet sind dabei nicht die 1,5 Millionen Problemspieler des Landes, die Ihr Glücksspielverhalten bereits nicht mehr unter Kontrolle haben und womöglich gesundheitliche oder finanzielle Folgen erleiden.

Werbeverbot und No-Slot Aufkleber als Gegenmaßnahme?

Im Sommer dieses Jahres verabschiedete die italienische Regierung um Luigi di Maio das Decreto Dignità, gemäß welchem ab Januar 2019 ein totales Glücksspielwerbeverbot gilt. Das umstrittene Dekret soll eine Maßnahme gegen Spielsucht darstellen, wurde jedoch von mehreren Seiten bereits im Vorfeld als wirkungslos bezeichnet.

Auch die Initiative No-Slot hat sich in diesem Jahr in Italien einen Namen gemacht. Lokale, Bars und Cafés werden dazu angehalten, sichtbare Aufkleber mit der Aufschrift „No-Slot“ anzubringen, um darauf hinzuweisen, dass kein Glücksspiel angeboten wird. In der Region Umbrien wurden diese Woche von mehreren Stadtverwaltungen zahlreiche Aufkleber an örtliche Lokale ausgeteilt.

Verfechter der Werbefreiheit sowie die Opposition der Regierung kritisieren hingegen, dass nichts Handfestes gegen Spielsucht und illegales Glücksspiel getan werde. Im Gegenteil würden die aktuellen Maßnahmen dafür sorgen, dass nur der regulierte Markt, nicht aber die illegalen Anbieter verdrängt würden.

Die meisten dauerhaften Spieler haben dabei im Alter von 18 bis 25 Jahren mit dem Spielen begonnen. Am weitesten verbreitet insgesamt ist das Glücksspiel jedoch in der Altersgruppe 40 bis 64.

In der Studie wurde des Weiteren das Spielverhalten der über 65-Jährigen untersucht. Dazu befragte man insgesamt 8 Millionen Männer und Frauen im Rentenalter nach Ihrem Glücksspielverhalten.

Drei Millionen der Befragten gaben an, regelmäßig Glücksspiele zu spielen, Männer und Frauen in gleichem Maße. Gut 2 % gaben zu, ihr eigenes Verhalten als problematisch einzustufen. Man geht davon aus, dass die Dunkelziffer jedoch um einiges höher sein könnte.

Minderjährige vermehrt am Glücksspiel beteiligt

Noch alarmierender waren jedoch die Ergebnisse, die zum Spielverhalten von Minderjährigen aus der Studie hervorgingen. Befragt wurden 15.602 Schülerinnen und Schüler zwischen 14 und 17 Jahren.

Die Befragungen wurden an insgesamt 201 Schulen der Republik durchgeführt. Mit 50,9 % Mädchen und 49,1 % Jungen war das Geschlechterverhältnis sehr ausgewogen.

Über die Ergebnisse konnte hochgerechnet werden, dass insgesamt 700.000 Jugendliche mindestens einmal innerhalb des letzten Jahres an einer Form des Glücksspiels teilgenommen haben. Von diesen sollen circa 3 % bereits jetzt ein problematisches Vielverhalten zeigen.

Roberta Pacifici äußerte sich mit Besorgnis zu den Zahlen:

Wenn man bedenkt, dass das Glücksspiel für Minderjährige verboten ist, muss man den Daten aus der Studie jetzt große Aufmerksamkeit schenken. Von diesen 700.000 Spielern zählen fast 70.000 bereits jetzt zu den Problemspielern.

Insbesondere bei den männlichen Befragten kamen schockierende Aussagen zu Lichte. So gaben ganze 40 % der minderjährigen Jungen an, Glücksspiele zu spielen. Bei den weiblichen Befragten lag dieser Wert deutlich tiefer.

Circa 35 % der minderjährigen Spieler fielen unter die 17-Jährigen, während die restlichen 65 % zum Zeitpunkt des letzten Spielens noch mindestens ein ganzes Jahr von der Volljährigkeit entfernt waren.

Die beliebtesten Formen von Glücksspiel unter den Jugendlichen sind dabei Sportwetten und Sofortgewinnspiele. So gaben in der Tat 79,6 % der Befragten an, innerhalb des letzten Jahres an Sportwetten teilgenommen zu haben, während es bei 70,1 % Sofortgewinnspiele waren.

Der italienische Durchschnitts-Problemspieler

In der Studie wollte man ein möglichst genaues Bild des durchschnittlichen Problemspielers herausarbeiten. Dabei verglich man die Angaben der Befragten mit den beobachteten Lebensumständen und bevorzugten Spielorten.

Der durchschnittliche italienische Problemspieler spielt am liebsten Spielautomaten oder Videolotterien. Dafür ausgewählt werden oft Orte, die weiter entfernt vom eigenen Zuhause sind und daher mehr Privatsphäre bieten.

Alkohol Zigaretten

Glücksspielsucht oft im Zusammenhang mit Alkohol und Drogen (Bild: PX Here)

Ein ungesunder Lebensstil mit der Konsum von Zigaretten, Alkohol und illegalen Betäubungsmitteln geht in vielen Fällen mit dem Spielen einher und stellt daher weitere Risikofaktoren dar.

Mit der Erstellung eines klaren Problemspieler-Profils möchte das ISS und die Zollbehörde [Seite auf Englisch] gezieltere Methoden zur Spielsucht-Bekämpfung entwickeln können. Laut Roberto Fanelli, dem Leiter der Zollbehörde, sei man zwar grundsätzlich auf dem richtigen Weg, doch stehe man erst am Anfang eines langen Kampfes.

Neben dem bereits verabschiedeten Decreto Dignità seien daher weitere rechtliche Maßnahmen notwendig, um Italiens Glücksspielproblem in den Griff zu bekommen.

In der Tat sind die Ergebnisse der Studie mehr als schockierend und werden die politische Debatte um Glücksspiel und dessen Werbung in Italien erneut anfachen. Der amtierenden Regierung selbst könnten die neuen Statistiken jedoch sehr dienlich sein, um das verabschiedete Glücksspiel-Werbeverbot zu untermauern.