Als „Nazi“ bezeichnet: Berliner Casino­angestellter verklagt chinesischen Künstler Ai Weiwei

Veröffentlicht am: 15. Januar 2020, 02:36 Uhr. 

Letzte Aktualisierung am: 15. Januar 2020, 03:36 Uhr.

Ein Angestellter eines Berliner Casinos verklagt Ai Weiwei (62), weil dieser ihn als Nazi bezeichnet haben soll. In einem Kommentar in der New York Times erinnert sich der chinesische Künstler und Dissident nun an den Vorfall von vor rund einem Jahr.

Ai Weiwei
Der Künstler Ai Weiwei wird von einem Angestellten eines Berliner Casinos verklagt (Quelle:flickr.com/Alfred Weidinger, licensed under CC BY-2.0)

Eskalation im Casino

In seinem aktuellen Kommentar (Seite auf Englisch) rekapituliert Ai Weiwei einen Besuch in einem Casino am Potsdamer Platz in Berlin. Anlass ist die Zustellung der Klage eines Casinoangestellten: Der Künstler habe ihn grundlos als „Nazi“ beschimpft, so der Vorwurf.

Ai Weiwei ist ein chinesischer Künstler und Menschenrechtsaktivist. Nach regierungskritischen Äußerungen wurde er 2011 in seiner Heimat festgenommen und mit einem 4-jährigen Reiseverbot belegt. Seit 2015 lebt er in Berlin.

Als er seine Chips bei seinem Aufenthalt in dem Casino vor rund einem Jahr habe einlösen wollen, so Ai Weiwei, sei es zum Eklat gekommen. Der Kassierer habe ihn zunächst nicht beachtet und dann aufgefordert, „Bitte“ zu sagen. Dabei habe er die Worte überdeutlich ausgesprochen.

Auf Ai Weiweis Frage, was geschähe, wenn er dem nicht nachkomme, habe der Mitarbeiter entgegnet, er befinde sich nun in Europa und solle lernen, sich zu benehmen.

Er selbst habe geantwortet, dass der Kassierer wohl kaum der Richtige sei, um ihm Benehmen beizubringen. Daraufhin habe der Mann ihm gesagt, er solle nicht vergessen, dass er derjenige sei, der ihn „durchfüttere“.

Das sei Nazi-Attitüde und ein rassistischer Kommentar, habe Ai WeiWei daraufhin zurückgegeben. In der Folge habe es vor Ort Gespräche mit der Casinoleitung und eine Entschuldigung des Hauses gegeben.

Überlegene Kultur?

Das Verhalten des Kassierers sei symptomatisch für tiefsitzende Diskriminierungstendenzen in Deutschland, so Ai Weiwei nun in der New York Times:

Mir ist klar, dass das Wort „Nazi“ in Deutschland tabu ist, aber als ich es gegenüber dem Casinoangestellten anwandte, meinte ich es nicht als Schimpfwort, sondern als allgemeinen analytischen Ausdruck: Eine Kultur beruft sich auf Überlegenheit, eine Ethnizität auf Reinheit. Und die Masse unten ist nicht nur anders, sondern minderwertig, und muss geführt und nötigenfalls mit Gewalt beherrscht werden.

 

Die möglichen Konsequenzen der Klage selbst scheinen Ai Weiwei weniger zu bewegen als ihre Konnotationen. Nach Erhalt habe er das Schriftstück seinem Anwalt übergeben. Dieser, so der Künstler, werde sich nun um die Angelegenheit kümmern.