Nike wirbt mit Ex-NFL-Star Colin Kaepernick – Proteste in den USA

Veröffentlicht am: 5. September 2018, 01:33 Uhr. 

Letzte Aktualisierung am: 5. September 2018, 03:05 Uhr.

Nikes ikonischer Werbeslogan „Just Do It“ wird 30 Jahre alt. Eines der Gesichter der Kampagne zum Jahrestag ist Colin Kaepernick. Der Footballstar hatte den Anstoß zu einer Protestwelle unter US-Sportlern gegeben, als er sich während der Nationalhymne hinkniete, um ein Zeichen gegen Polizeibrutalität und Rassismus gegen Afroamerikaner in den USA zu setzen.

Colin Kaepernick, Nike ad
Ex-NFL-Star Colin Kapernick ist ein Gesicht der aktuellen Nike-Kampagne. (Quelle:Twitter)

Der Sportartikelhersteller Nike hat sich anlässlich des 30 Jahrestages des „Just Do It“- Slogans entschieden, den umstrittenen ehemaligen NFL-Spieler Colin Kaepernick (30) als einen seiner Markenbotschafter zu verpflichten.

Der Sportartikelhersteller Nike, der den Namen der griechischen Siegesgöttin Nike trägt, wurde 1964 als Blue Ribbon Sports im US-Bundesstaat Oregon gegründet. Nach der Umbenennung im Jahr 1971 folgte 1972 die erste selbst produzierte Sportschuhkollektion des Unternehmens.

Einen Großteil seiner Popularität und des wirtschaftlichen Erfolges verdankt Nike der Verknüpfung ihrer Produkte mit internationalen Sportstars. Allein die 1984 gemeinsam mit dem Basketball-Superstar kreierte Marke „Air Jordan“ soll dem Unternehmen bislang ca. 2,6 Milliarden US-Dollar Umsatz generiert haben.

Seit 1989 verteidigt Nike seinen Status als weltweit führender Sportartikelhersteller. Mit einer Marktkapitalisierung von 110,3 Milliarden US-Dollar gehörte das Unternehmen Mitte 2018 zu den 100 erfolgreichsten weltweit.

Paukenschlag via Twitter

Kaepernick teilte via Twitter ein Bild der aktuellen Nike Kampagne. Es zeigt ein Schwarz-Weiß-Porträt des Sportlers, der frontal in die Kamera schaut. Über dem Nike Slogan trägt es die Inschrift: „Believe in something. Even if it means sacrificing everything.“ (deutsch: „Glaube an etwas. Auch wenn das bedeutet, alles zu opfern.“). Das Bild wurde umgehend vom offiziellen Account des Sportherstellers geteilt.

Der Text bezieht sich auf die Rolle, die Kaepernick in der öffentlichen Diskussion einnimmt, seit er bei einem Spiel im August 2016 entschied, sich beim obligatorischen Erklingen der Nationalhymne nicht zu erheben, sondern diesem kniend beizuwohnen.

Protest bei Nationalhymne: Die Geister scheiden sich

Footballer knieend bei Nationalhymne
Footballer Kaepernick (Mitte) 2017 während der Nationalhymne. (Quelle:LA Times)

Hintergrund für Kapernicks öffentliche Demonstration waren Rassismus und explizit gegen Afroamerikaner gerichtete Polizeigewalt, die die USA erschütterten.

Etliche NFL-Sportler folgten in den kommenden Wochen und Monaten dem Beispiel Kaepernicks, was zu einer gesamtgesellschaftlichen Debatte über das Verhältnis von Sport, Politik und Rassismus im amerikanischen Football sorgte.

Große öffentliche Unterstützung

Zuspruch erhielten die Athleten auch von Vertretern außerhalb des Sports: So überreichte Sängerin Beyoncé Knowles Kapernick 2017 den Muhammad-Ali-Vermächtnis-Preis der Zeitschrift Sports Illustrated. Die Ehrung erhielt er dafür, „das Ideal von Sportsgeist, Vorbildfunktion und Menschenliebe zu verkörpern, um damit die Welt zu verändern.“ Das Time-Magazin hatte Kaepernick zeitgleich als mögliche „Person des Jahres“ gehandelt.

Knieender Protest mittlerweile verboten

Trotz dieser positiven Unterstützung überwog für die Verantwortlichen die Kritik und die Sorge um das unpolitische Image des lukrativen amerikanischen Spitzensports. Nachdem die Proteste sich nicht nur im Football, sondern unter anderem auch in der NBA ausweiteten, zogen die Sportverantwortlichen Konsequenzen:

Heute ist es den Spielern untersagt, während der Nationalhymne zu knien. Wer sich nicht erheben möchte, hat die Möglichkeit, in der Kabine zu bleiben.

 

Im Jahr 1936 war es der 23-jährige Leichtathlet Jesse Owens, der allein durch seine Präsenz und seine Leistung bei den olympischen Spielen in Berlin ein Zeichen setzte.

Nach anfänglichem Protest – er hatte nicht am sportlichen Wettkampf im vom Nationalsozialismus geprägten Deutschland teilnehmen wollen – gelang es dem Afroamerikaner Owens, Hitlers Theorie von der „Überlegenheit der weißen Rasse“ vor den Augen der Weltöffentlichkeit Lügen zu strafen.

Vier Goldmedaillen im Weitsprung und in Sprintdisziplinen brachten dem Ausnahmesportler allerdings nur kurzen Ruhm ein: Zurück in den USA verweigerte US-Präsident Roosevelt ihm die Glückwünsche. Ein Bekenntnis zum schwarzen Sportler Owens hätte seiner Popularität im Amerika der 30er-Jahre Abbruch tun können.

Owens beendete seine sportliche Karriere noch im gleichen Jahr.

Kapernick seit 2017 ohne Team

Insbesondere Kapernick bekam die Folgen seines öffentlichen Protestes zu spüren: Sein Team, die San Francisco 49ers, entließ ihn zum Ende der Saison 2016/17. Seit März 2017 hat er keinen neuen Arbeitgeber gefunden.

Seit Oktober 2017 befindet sich Kaepernick in einem Rechtsstreit mit der NFL. Im Zentrum steht der Vorwurf, aufgrund seiner politischen Statements systematisch ausgegrenzt worden zu sein.

Ein Schlichter hatte im August 2018 festgestellt, dass es Anzeichen für entsprechende Absprachen zu Ungunsten Kaepernicks gäbe. Dementsprechend werden Besitzer und Teamverantwortliche zeitnahvor Gericht Stellung zu den Vorwürfen nehmen müssen. Sollte festgestellt werden, dass der Spieler tatsächlich aufgrund teamübergreifender Maßnahmen keine Anstellung mehr gefunden hat, winken ihm Zahlungen in Millionenhöhe. Ins Spiel zurückklagen kann er sich allerdings nicht.

Harsche Worte von Donald Trump

Mitverantwortlich für das Ende der Profikarriere des 30-jährigen Sohnes einer weißen Mutter und eines schwarzen Vaters dürfte auch Donald Trump höchstpersönlich gewesen sein. Der US-Präsident hatte Kaepernick und seine zumeist afroamerikanischen Unterstützer wiederholt heftig kritisiert.

So warf er den knieenden Spielern u.a. vor, „das Land, die Flagge und die Nationalhymne nicht zu respektieren“, und forderte die Teameigner bei einer Veranstaltung auf „den Hurensohn vom Feld zu nehmen“.

Auch die nun prominent inszenierte Zusammenarbeit Nikes mit Kaepernick trifft bei Trump auf wenig Verständnis. In einem Statement, das er der konservativen Website „The Daily Caller“ gab, erklärte das Staatsoberhaupt, der Sportartikelhersteller sende eine „furchtbare Botschaft“, indem es Colin Kaepernick als eines der Gesichter der Kampagne präsentiere. Zwar könne das Unternehmen eigene Entscheidungen treffen, er selbst stehe hier aber auf einer anderen Seite.

Sturm der Entrüstung auf Twitter

Tweet: Brennende Nike-Schuhe
Auf Twitter entlädt sich der Zorn der Kritiker. (Quelle:Twitter)

Zuspruch findet diese Haltung auch in Teilen der amerikanischen Öffentlichkeit. Schon kurz nach Bekanntwerden der Kampagnen hatte sich unter dem #BoycottNike eine Gegenbewegung formiert. Bilder und Videos, auf denen Nike Schuhe und Socken verbrannt oder zerstört werden, trenden in den sozialen Medien.

Immer wieder wird der Vorwurf laut, Nike verhalte sich unpatriotisch und lasse den USA gegenüber den nötigen Respekt vermissen.

Und nicht nur Privatleute stoßen sich an der politischen Botschaft, die das Unternehmen durch Kaepernick sendet. Der Aktienwert des Global Players sank nach Bekanntwerden der Aktion um 2,6 Prozentpunkte.

Nichtsdestotrotz, Nike steht zu seiner Auswahl, wie der nordamerikanische Markenvizepräsident Gino Fisanotti im Interview mit dem Sender ESPN klarstellt:

 

Wir glauben, Colin ist einer der inspirierendsten Sportler seiner Generation, der die Plattform Sport dazu nutzte, um die Welt zu verbessern.

 

Der Weltmarktführer und offizielle NFL-Ausstatter Nike kann durch das Zeigen von Haltung und die Verpflichtung der politischen Symbolfigur Kaepernick auf einen Imagegewinn hoffen. Auf der anderen Seite arbeiten Kritiker daran, die Deutungshoheit zu erlangen.

Für die NFL wiederum kommt die erneute Aufmerksamkeit auf die Causa Kaepernick zur Unzeit: Am Donnerstag startet die neue Saison mit dem Spiel der Atlanta Falcons gegen die Superbowl-Gewinner der Philadelphia Eagles . Politik steht nach wie vor nicht auf dem Spielplan.