Videospielsucht: Gaming Disorder Test soll Diagnose von krankhaftem Spielverhalten erleichtern

Veröffentlicht am: 8. Juni 2019, 05:30 Uhr. 

Letzte Aktualisierung am: 11. Oktober 2019, 02:36 Uhr.

Forscher der Universität Ulm haben ein Instrument entwickelt, mit dem das Erkennen einer krankhaften Computerspielsucht vereinfacht werden soll. Der psychologische Test orientiert sich an den Kriterien der WHO zur Diagnose der Gaming Disorder. Er soll Aufschluss darüber geben, ob der Befragte ein problematisches Spielverhalten aufweist oder sogar als krank einzustufen ist.

An Tatstatur gekettete Hände
Der Gaming Disorder Test soll helfen, Computerspielsucht zu diagnostizieren (Quelle:pixabay.com/lechenie-narkomanii)

Unter www.gaming-disorder.org können Interessierte seit Kurzem testen, ob sie unter einem pathologischen Spielverhalten in Bezug aufs Gaming leiden. Mit der Beantwortung der Fragen erklärt sich der Teilnehmer mit der Auswertung seiner Antworten zu weiteren Studienzwecken bereit.

Eine Rückmeldung erfolgt sofort und setzt das aus seinen Angaben abgeleitete Spielverhalten ins Verhältnis zu dem der anderen Studienteilnehmer. Eine Diagnose wird nicht gestellt. Die Teilnahme findet anonym statt, persönliche Daten wie Name oder Emailadresse werden nicht erfragt.

Große Herausforderungen in der Diagnostik

Die offizielle Einstufung der Gaming Disorder als Krankheit durch die WHO bietet der Wissenschaft neue Möglichkeiten, die psychosozialen und mentalen Begleitumstände des exzessiven Spiels einzuordnen und zu erforschen.

Dies erklären die Wissenschaftler um Forschungsleiter Dr. Christian Montag in einer Veröffentlichung (Seite auf Englisch) der Fachzeitschrift International Journal of Mental Health and Addiction (dt. Internationale Zeitschrift für geistige Gesundheit und Abhängigkeit).

Im Mai 2019 verabschiedete die WHO die elfte Version der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-11). Hierin wird erstmals auch die Gaming Disorder offiziell als Krankheit anerkannt.

Definiert wird sie als anhaltendes, wiederkehrendes oder episodenhaft auftretendes Spielverhalten, das durch Kontrollverlust, das Einräumen höherer Priorität vor anderen Interessen und Aktivitäten, sowie das Weiterspielen trotz negativer Konsequenzen gekennzeichnet ist.

Die Gaming Disorder wirkt sich meist schwerwiegend auf das persönliche, familiäre, soziale und berufliche Leben der Betroffenen aus und tritt oft gemeinsam mit weiteren Krankheiten wie Depressionen auf.

Bislang habe die Unterscheidung zwischen krankhaftem und nicht-krankhaftem Spiel die Wissenschaft oft vor große Herausforderungen gestellt, so die Forscher.

Mit dem nun entwickelten Test hoffe man, verlässliche Parameter zum Erkennen der Krankheit aufstellen und so zu mehr Konsistenz in der Diagnostik beitragen zu können.

Nun hoffen die Verantwortlichen auf möglichst viele weitere Teilnehmer, um den GDT zu erweitern.

550 Studenten machten den Anfang

Entwickelt wurde der Gaming Disorder Test (GDT) von einem Team internationaler Wissenschaftler. Dieses wertete im ersten Schritt der Studie die Befragung von 550 Studenten aus Großbritannien und China aus.

Sowohl in asiatischen Ländern als auch in westlichen Industrienationen wird die Gaming Disorder von Experten mittlerweile als sich entwickelndes bzw. ernstzunehmendes Problem für die öffentliche Gesundheit eingestuft.

Neben der Erforschung der psychosozialen und mentalen Bedeutung einer Gaming Disorder soll die Studie auch Auskunft über kulturell und geographisch bedingte Unterschiede geben.

Spielverhalten in China und Großbritannien vergleichbar

In erster Auswertung zeigten sich in der Studie der Ulmer Wissenschaftler jedoch keine signifikanten Unterschiede zwischen den Antworten der asiatischen und der europäischen Probanden.

In beiden Vergleichsgruppen herrschte ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis. Jeweils rund die Hälfte der Befragten gab an, in einer festen Beziehung zu leben.

Logo Universität Ulm
Forscher der Universität Ulm beteiligten sich an der Entwicklung des Gaming Disorder Test (Quelle:pixabay.com/Hans)

Abgefragt wurden Details zum Spielverhalten, wie die ungefähre wöchentliche Zeit, die auf das Gaming verwendet wird. Auch dafür, welche Spiele die Probanden favorisierten und ob sie eher on- oder offline anzutreffen waren, interessierten sich die Forscher.

Zudem gaben die Befragten an, inwieweit sich ihre Gaming-Aktivitäten auf ihren Alltag auswirkten. Mit Selbsteinschätzungen in fünf Stufen zwischen „Nie“ und „sehr oft“ beantworteten sie Fragen zu möglicherweise auftretenden Problemen.

Unter anderem ging es hierbei um Schwierigkeiten, das eigene Gaming-Verhalten zu kontrollieren oder bereits mit negativen Konsequenzen häufigen Spielens konfrontiert worden zu sein.

Konzentrationsfähigkeit und Sozialverhalten standen ebenso auf dem Prüfstand, wie Angaben zur allgemeinen seelischen Verfassung der Befragten.

Im Durchschnitt erklärten die Studenten, ungefähr zwölf Stunden pro Woche mit dem Gaming zu verbringen. Mit 46 Prozent entfiel knapp die Hälfte der Spielzeit auf das Wochenende.

Ein wichtiger Schritt

Die Auswertung der Studie ergab, dass sich 6,4 Prozent der Befragten eigenen Angaben zufolge bereits mit negativen Konsequenzen aufgrund ihres Spielverhaltens auseinandersetzen mussten.

Eine alarmierende Zahl, bedenkt man, dass es sich hierbei um eines der von der WHO ausgegebenen Hauptkriterien der pathologischen Video- und Computerspielsucht handelt.

Mit dem Gaming Disorder Test nehmen sich die Ulmer Forscher einem bislang nur wenig bearbeiteten medizinischen Feld an. Spätestens, wenn die WHO-Klassifikation ICD-11 im Jahr 2022 in Kraft tritt, wird es für Ärzte und Krankenkassen nötig sein, die richtigen Werkzeug an der Hand zu haben, um Betroffene diagnostizieren und dementsprechend behandeln zu können.

Auf lange Sicht bleibt die Hoffnung, dass die Erkenntnisse der Wissenschaftler auch den Weg für Präventionsbemühungen in Bezug auf eine Krankheit ebnen, die insbesondere unter jungen Menschen um sich greift und nicht selten eher mit einem Augenzwinkern als mit Sorge betrachtet wird.