Spieleentwickler Blizzard hat den Hongkonger Hearthstone- Profi Ng “blitzchung” Wai Chung in der vergangenen Woche für ein Jahr von allen Turnieren ausgeschlossen, weil er sich einem Post-Game-Interview offensiv solidarisch mit der Protestbewegung in seiner Heimat gezeigt hatte.  Nun erfährt das Unternehmen große Kritik für seine Entscheidung.

Proteste in Hongkong

Der Profi-Gamer solidarisierte sich mit der Protestbewegung in Hongkong (Quelle:Studio Incendo, licensed under CC BY-SA 2.0)

„Freiheit für Hongkong“ in Livestream

Momentan wird das Hearthstone Turnier GrandMaster 2019 Season 2 – Asia-Pacific ausgetragen. Neben den Spielen können Zuschauer auch Hintergrundberichte und Interviews im Livestream verfolgen. In der vergangenen Woche führte ein Interview taiwanesischer Caster mit Profi Gamer blitzchung zu einem Vorfall, der sich mittlerweile zu einem handfesten Skandal ausgebreitet hat.

In Hongkong protestieren seit Monaten Millionen Einwohner gegen einen wachsenden Einfluss Chinas auf die weitgehend unabhängige Sonderveraltungszone. Immer wieder kommt es dabei zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Staatliche chinesische Medien bezeichnen die Protestler als „Kriminelle“ und Hongkong als „untrennbaren Teil der chinesischen Volksrepublik“.

Zum Gespräch erschien der eSportler mit einer Gasmaske vor dem Gesicht. Kürzlich hatte die Hongkonger Regierung ein Vermummungsverbot erlassen, das explizit auch Atemschutzmasken, mit denen sich Demonstranten vor Tränengas schützen, miteinbezieht. Nachdem er das Mundstück abgenommen hatte, verkündete blitzchung sein Statement, das übersetzt ungefähr so viel bedeutete, wie „Befreit Hongkong, das ist die Revolution der Jugend“.

 

Wohl in Erwartung des Geschehnisses waren die beiden Interviewer zu diesem Zeitpunkt bereits auf Tauchstation gegangen. Um nicht mit der politischen Aussage in Verbindung gebracht zu werden, versteckten sie sich hinter ihrem Schreibtisch. Auf Anfrage der Gaming-Seite invenglobal erklärte blitzchung seine Aktion in einem Statement:

Wie ihr wisst, gibt es jetzt ernsthafte Proteste in meinem Land. Mein Ausruf im Stream war nur eine weitere Form der Teilnahme an dem Protest, auf den ich mehr Aufmerksamkeit lenken möchte. Ich habe in den letzten Monaten so viel Arbeit in diese soziale Bewegung gesteckt, dass ich mich manchmal nicht mal darauf konzentrieren konnte, mein Großmeister-Match vorzubereiten. Ich weiß, was meine Aktion im Stream bedeutet. Es könnte mir viel Ärger bereiten, sogar meine persönliche Sicherheit im wirklichen Leben gefährden. Aber ich denke, es ist meine Pflicht, etwas zu diesem Thema zu sagen.

Strafe: Politisch oder unpolitisch?

Wie erwartet folgte der Ärger auf dem Fuße: Zunächst verschwanden die Aufnahmen der Szene aus den offiziellen Kanälen Blizzards. Danach erklärte das Unternehmen in einem offiziellen Statement (Seite auf Englisch), dass es während des Interviews zu einer Verletzung der Turnierregeln gekommen sei. Auf die politische Tragweite der Geschehnisse ging Blizzard nicht ein.

Dabei zitierte man die hauseigenen Richtlinien, die es Teilnehmern der Grandmaster Turniere verböten, sich so zu verhalten, dass es „ihnen öffentlichen Misskredit einbringe, öffentliche Gruppierungen oder Teile der Öffentlichkeit beleidige oder Blizzard Schaden zufüge“.

Die Konsequenzen für ein solches Verhalten legt das Regelwerk auch fest: Verstöße würden mit dem Ausschluss aus dem Turnier und einer einjährigen Sperre für alle Blizzard-Events geahndet. Zudem werde das bisher erspielte Preisgeld auf 0 gesetzt. Genauso erging es nun blitzchung.

Eigenen Angaben zufolge habe Blizzard zudem die Zusammenarbeit mit den beiden Interviewern mit sofortiger Wirkung beendet.

Boykottforderungen in sozialen Netzwerken

In der Community stößt das Vorgehen des Konzerns auf wenig Verständnis. Bereits kurz nach Bekanntwerden der Sperre blitzchungs formierte sich unter anderem auf Twitter der Protest.

Brian Kibler

Auch Kommentator Kibler kritisiert die Blizzard-Entscheidung (Quelle:invenglobal.com)

Unter #BoycottBlizzard und #BoycottBlizz fordern Spieler den Boykott des Konzerns. Gaming-Legende und Hearthstone-Turnier-Kommentator Brian Kiebler bezeichnete die Strafe in einem Statement als unverhältnismäßig.

Er kündigte an, bis zu einer Klärung der Angelegenheit nicht wie geplant als Gastgeber des Grandmasters-Finale bei der Spielemesse BlizzCon zur Verfügung zu stehen.

Auch Mitarbeiter des Konzerns zeigen sich solidarisch mit blitzchung und den Aktivisten in Hongkong. So kursieren Bilder, auf denen Teile der Belegschaft mit Regenschirmen, dem Zeichen der Hongkonger Protestbewegung, posieren.

Zudem sollen Mitarbeiter Zeichen gesetzt haben, indem sie die Unternehmensleitsätze „Denk global“ und „Jede Stimme zählt“ am Hauptsitz des Unternehmens mit Papier verdeckten.

Blizzard in der Zwickmühle

Auch die amerikanische Politik hat sich mittlerweile eingeschaltet. Unter anderem kritisierte der demokratische US-Senator Ron Wyden Blizzard scharf:

Chinas Unterdrückung von gewaltlosem Widerspruch ist schon abscheulich, wenn sie in China stattfindet – es ist allerdings unfassbar verstörend, wenn amerikanische Firmen willentlich an der Propagandakampagne der chinesischen Regierung mitwirken.

Es bleibt abzuwarten, ob sich Blizzard von dem vielfach geäußerten Unmut beeindrucken lässt und die Strafe blitzchungs umwandelt. Tatsächlich scheint es, als befinde sich das Unternehmen in einer Zwickmühle:

Abgesehen davon, dass das Image bereits einen schweren Kratzer erlitten hat, könnte eine Aufhebung der Strafe als Zeichen der Inkonsequenz interpretiert werden und Nachahmer anziehen. Bleibt man bei der Entscheidung, dürften die Proteste weiterhin massiv für Unruhe und ebenfalls unabsehbare Aktionen sorgen.