Spielerschutzorganisation wendet sich an britischen Premierminister

Veröffentlicht am: 29. August 2019, 02:37 Uhr. 

Letzte Aktualisierung am: 29. August 2019, 02:37 Uhr.

Gestern präsentierten Mitglieder der Safer Online Gambling Group (SOGG) ihre Studie über  problematisches Spielverhalten unter Jugendlichen vor dem Eingang zu 10 Downing Street in London. Vor der offiziellen Residenz von Premierminister Johnson wiesen die Aktivsten auf die Gefahren der Vermischung von Online-Spiel und Glücksspiel hin und veröffentlichten alarmierende Zahlen.

Straßenschild Downing Street London
Die Veröffentlichung der neuen Studie fand in der Downing Street in London statt (Quelle:Vera Kratochvil, licensed under CC0 Public Domain)

Veröffentlichung vor Sitz des Premierministers

Am gestrigen Nachmittag begaben sich die Gründer der SOGG, das Vater-Sohn-Gespann Adam und David Bradford, zur Nummer 10 in der Downing. Am Sitz des Premierministers veröffentlichten sie eine Studie (Seite auf Englisch) ihrer Organisation, die auf eine bedenkliche Entwicklung des Glücksspiels unter britischen Jugendlichen hinweist.

Adam Bradford gründete die SOGG, nachdem ein Gericht seinen Vater David im Jahr 2014 zu zwei Jahren Haft verurteilte. David Bradford hatte seinen Arbeitgeber um 50.000 GBP bestohlen, um seine geheime Spielsucht zu finanzieren. Bis zu seiner Verurteilung hatte der Ehemann und dreifache Vater ein Doppelleben geführt. Heute engagieren sich Vater und Sohn gemeinsam, um auf die Gefahren des Glücksspiels aufmerksam zu machen. Ab 2020 will ihre Organisation unter anderem mit einem digitalen Therapieprogramm Hilfe bei problematischem Spielverhalten anbieten.

Laut Angaben der SOGG nutzten heute 95 Prozent aller britischen Jugendlichen Spielangebote über mobile Endgeräte. Man gehe davon aus, dass mindestens jeder Zehnte von ihnen dabei im Glauben, ein kostenloses Angebot zu nutzen, versehentlich Geld für kostenpflichtige Spielerweiterungen ausgegeben habe.

270 Millionen GBP für In-Game-Käufe?

SOGG-Direktor Adam Bradford
SOGG-Direktor Adam Bradford (Quelle: Adam Bradford. licensed under CC BY-SA 4.0)

Besonderes Augenmerk legt die Studie auf Lootboxen in Spielen wie Fortnite und FIFA. Rund die Hälfte der befragten Minderjährigen habe angegeben, in der jüngeren Vergangenheit in die glücksspielähnlichen Pakete investiert zu haben.

Die SOGG weist darauf hin, dass eine genaue Bestimmung der Ausgaben, die von Minderjährigen im Online Glücksspiel getätigt würden, nur schwer zu treffen sei. Die Befragungen ließen aber Schätzungen zu, nach denen der durchschnittliche britische Teenager unter 18 zwischen 500 und 600 GBP im Jahr für glücksspielähnliche In-Game-Käufe aufwende.

Die Initiatoren schätzen, dass die Industrie so allein in Großbritannien rund 270 Millionen GBP umsetze.

Kinder im Fokus?

Die Möglichkeit, die im Spiel verwendeten digitalen Währungen im Nachgang in reales Geld umwandeln oder auf Partnerseiten einsetzen zu können, führten oft dazu, dass faktisch Glücksspiel ohne die notwendigen Altersprüfungen betrieben werden könne. Zehn Prozent der Jugendlichen gaben an, im Netz unwissentlich auf kostenpflichtige Glücksspielseiten geleitet worden zu sein

Besonders problematisch sei hierbei, dass auf den zum Einsatz kommenden mobilen Endgeräten oft bereits Zugang zu Familienaccounts oder elterlichen Bankkonten hinterlegt sei.

Adam Bradford, Mitbegründer und Direktor der SOGG betrachtet diese Entwicklung mit Sorge. Für besonders problematisch hält er die Verwischung der Grenzen zwischen Spiel und Glücksspiel. Es sei absurd, dass mittlerweile schon kleine Kinder Glücksspielinhalten ausgesetzt seien:

Eine Fallstudie ergab, dass ein Kind, das ein Mathe-Spiel auf einem iPad gespielt hatte, Anreize erhielt, seine Ergebnisse zu verbessern und am Ende jedes Levels mit Casino-ähnlichen Chips in einer digitalen Brieftasche belohnt wurde. Die Zusammenhänge zwischen Spiel und Glücksspiel müssen sorgfältig untersucht werden und die Glücksspielbranche muss absolut sicherstellen, dass ihre Partnerunternehmen und Marketingagenturen junge Menschen aus digitalen Anzeigen herausfiltern, damit diejenigen, die unter dem erlaubten Wettalter liegen, keinen süchtigmachenden Inhalten und packenden Gratiswettangeboten ausgesetzt sind, bevor sie überhaupt wählen dürfen.

Politik und Anbieter in der Verantwortung

Nach Ansicht der SOGG stehen nun sowohl Industrie als auch Politik in der Verantwortung. Die Regierung, so die Forderung, müsse den Weg für ein schnelleres Verbot von In-Game-Käufen freimachen und Partnerunternehmen von Glücksspielanbietern stärker in die Pflicht nehmen, wenn es um die gezielte Ansprache von Jugendlichen gehe.

Gleichzeitig sollten Spielehersteller sicherstellen, dass ihre Angebote für Minderjährige keine Glücksspielsimulationen beinhalteten. Bei Lootboxen müssten Gewinnchancen generell vor dem Kauf offengelegt werden. Von Glücksspielanbietern erwarten die Spielerschützer Maßnahmen, die die Ansprache von Jugendlichen via Social Media Werbung unterbinden.

Nach der öffentlichen Präsentation der Studienergebnisse in der 10 Downing Street gaben die Verantwortlichen der SOGG ein Dossier mit deren Inhalten am Sitz von Boris Johnson ab. Ob der Premier sich zeitnah mit den Anliegen der Spielerschützer auseinandersetzen wird, ist aber wohl eher fraglich.

Derzeit plant der Politiker, die traditionelle Pause des britischen Parlaments zu verlängern. Kritiker werfen ihm vor, die Demokratie zu unterlaufen, um seine Vorstellung eines No-Deal-Brexit ungehindert umsetzen zu können.