Sieg mit Schwächen: Deutschland gewinnt 3:0 gegen Russland

Veröffentlicht am: 16. November 2018, 11:42 Uhr. 

Letzte Aktualisierung am: 16. November 2018, 12:23 Uhr.

Die deutsche Nationalelf hat vor ihrem letzten Gruppenspiel in der Nations League Selbstvertrauen getankt. Das Team von Joachim Löw gewann gestern in Leipzig souverän mit 3:0 gegen Russland. Die schwache Leistung in der zweiten Hälfte wirft jedoch Fragen auf.

Stadion Leipzig
In Leipzig gewann das DFB-Team 3:0 (Bild: Wikipedia)

In Leipzig standen statt Routiniers wie Boateng, Hummels oder Müller Spieler wie Niklas Süle, Antonio Rüdiger, Timo Werner oder Kai Havertz in der Startelf. Dies machte sich besonders zu Beginn der Partie äußerst positiv bemerkbar, als das deutsche Team munter nach vorne kombinierte und die oft überforderte Defensive der Russen gleich mehrmals gefährlich in Bedrängnis brachte.

Kommt der erhoffte Neuanfang?

Bereits nach 40 Minuten leuchteten auf der Anzeigetafel die Namen Sané, Spüle und Gnabry auf: Diese Spieler hatten mit ihren frühen Toren bereits nach einer halben Stunde für einen beruhigenden Vorsprung gesorgt, den das deutsche Team im weiteren Verlauf der Partie nicht mehr abgeben sollte.

Gleichzeitig stehen die Namen für den vom Bundestrainer längst angekündigten und von den Fans sehnlichst erwarteten Umbruch in der Mannschaft. Mit einem Durchschnittsalter von 24,5 Jahren wurde die Mannschaft im Vergleich zur misslungenen Weltmeisterschaft in Russland deutlich verjüngt. Dort war der WM-Kader mit einem Durchschnitt von 27,1 Jahren noch über zweieinhalb Jahre älter gewesen.

Auch die Wettquoten sprachen für Deutschland
Der Sieg der deutschen Elf war nicht nur von Experten vorausgesagt worden. Auch die Buchmacher hatten das Team mit Quoten von durchschnittlich 1:1,20 als klaren Favoriten gehandelt. Im Falle eines Unentschiedens lag die Quote bei 1:5,00, während bei einem Sieg Russlands für jeden Euro zwischen zehn und zwölf Euro ausbezahlt worden wären.
Während die Quoten für die heutige Nations League-Partie zwischen Holland und Frankreich ausgeglichen sind, sehen die Buchmacher die Deutschen in ihrem Spiel gegen die Niederlande am Montag mit einer Quote von 1:1,65 gegenüber 1:5,00 als klaren Sieganwärter.

Die in Leipzig auf dem Platz stehende Elf war die jüngste Mannschaft, die der Trainer in diesem Jahr aufstellte. Der Erfolg gibt ihm recht, auch wenn einem Freundschaftsspiel geringere Aussagekraft zukommt als beispielsweise die richtungsweisenden Nations League-Partie gegen die Niederlande am kommenden Montag in Gelsenkirchen.

Hoffnung macht jedoch, dass die drei Tore allesamt attraktiv herausgespielt wurden und nicht auf der Art von Einzelaktionen und Zufällen beruhen, mit denen das Team im Jahr 2018 so oft aufgefallen ist.

Probleme bei Konzentration und Defensive

Nachdem die Mannschaft mit dem großen Vorsprung zur zweiten Halbzeit aus der Kabine gekommen war, ließ die Konzentration der Spieler vor allem in der Defensivarbeit merklich nach, sodass die Sbornaja zu mehr Torchancen kam. Gleichzeitig erlahmte das Spiel nach vorne, weshalb den Deutschen auf der Gegenseite kaum noch Torraumszenen gelangen.

Auch Joachim Löw sah den Abfall nach dem außerordentlich guten Beginn kritisch:

“Die erste Hälfte war gut, wir hatten eine gute Spielkontrolle. Nach der Pause ging aber etwas der Spielfluss verloren. Wir hatten auch nicht mehr so die Raumaufteilung und weniger Ordnung. Da hatten wir auch wieder etwas Durcheinander.”

Angesichts des unerklärlichen Leistungsabfalls fühlte sich mancher Skeptiker vielleicht schon an das legendäre 4:4 gegen Schweden erinnert, als die deutsche Mannschaft einen 4:0 Vorsprung aus der Hand gegeben hatte. Dazu kam es jedoch nicht, denn die Russen agierten trotz einiger Unsicherheiten von Manuel Neuer zu ungefährlich, um ein Tor zu erzielen.

DFB im Vorfeld um Wiedergutmachung bemüht

Joachim Löw
Auch Löw sieht Verbesserungspotential (Bild: Wikipedia)

Vor dem Spiel hatte der DFB eine wahre Charme-Offensive gestartet, um die verlorene Zuneigung der Fans zurückzugewinnen. So besuchten die Spieler um Kapitän Manuel Neuer im Vorfeld des Spiels ein Leipziger Gymnasium und beantworteten geduldig die zahlreichen Fragen der Schüler.

Auch beim offenen Umgang des Teams mit den Fans bemühte sich der DFB redlich um Wiedergutmachung. Ganz hat dies jedoch nicht geklappt, denn am Donnerstagabend blieben im Leipziger Stadion über 7.000 Plätze leer. Ein derart schlechter Zuschauerzuspruch ist etwas, woran sich die Verantwortlichen beim DFB erst einmal gewöhnen müssen.

Die gestern von Joachim Löw gezeigte Verjüngung der Mannschaft könnte jedoch ein Anfang sein, um in der Gunst der Fans wieder zu gewinnen. Wenn es dem Trainer dazu auch noch gelingt, die in der zweiten Halbzeit gezeigten Schwächen abzustellen, ist die Nationalelf auf einem guten Weg, und deutsche Fans wie auch der DFB können mit etwas mehr Zuversicht ins kommende Jahr schauen.

Trotzdem Abstieg aus der Nations League?

Logo Nations League
Droht dem DFB der Abstieg? (Bild: uefa.com)

Die positive Grundstimmung könnte sich jedoch schon heute Abend schlagartig ändern: Sollten die Niederlande bei ihrem Heimspiel gegen Weltmeister Frankreich gewinnen, wären die Deutschen automatisch aus der ersten Reihe der Nations League abgestiegen. Deshalb entscheidet sich heute ab 20:45 in Rotterdam, ob das Jahr 2018 für die Nationalmannschaft vollends zum Desaster wird.

Im Falle eines Siegs der Holländer hätten die Deutschen am kommenden Montag in Gelsenkirchen keine Möglichkeit mehr, diese von ihrem Platz zu verdrängen. Auch bei einem Unentschieden gegen Frankreich wäre die Lage für die Mannen von Joachim Löw äußerst prekär, denn in dem Fall benötigt das Team einen Sieg mit mindestens vier Toren Vorsprung.

Die schwache Tabellensituation führt dazu, dass sich heute Abend bange Blicke gen Rotterdam richten. Denn bei einem Abstieg steht DFB, Bundestrainer und Mannschaft trotz der guten Ansätze von gestern eine stürmische Winterpause bevor.