Kirche, Missbrauch und Casino-Millionen: US-Priester vor Gericht

Veröffentlicht am: 30. November 2021, 04:00 Uhr. 

Letzte Aktualisierung am: 1. December 2021, 03:40 Uhr.

Ein Gericht im Bundesstaat Nebraska bemüht sich derzeit um Aufklärung in einem verworrenen Fall. Angeklagt ist der 73-jährige katholische Geistliche Rev. Michael Gutgsell. Unter anderem soll er seine Gemeinde um rund 100.000 USD gebracht haben. Weitere Protagonisten sind ein dementer Priester, dem der vielfache Missbrauch Minderjähriger nachgewiesen wurde, und ein offenbar spielsüchtiger, obdachloser Mann. Letzterem hatte der Angeklagte insgesamt rund 700.000 USD zukommen lassen. Eigenen Angaben zufolge aus Nächstenliebe.

Christliches Holzkreuz in Lichtkranz
Der Fall dreht sich um Diebstahl, Missbrauch und Casino-Millionen im kirchlichen Milieu (Quelle:unsplash.com/James)

Dunkle Geheimnisse

Seit vergangener Woche muss sich Michael Gutgsell vor dem Bezirksgericht in Douglas County verantworten. Ihm werden mehrere Fälle von Diebstahl zur Last gelegt.

Der ehemalige oberste Archivar der Erzdiözese von Omaha hatte bereits bei seiner Festnahme [Seite auf Englisch] Mitte September zugegeben, wiederholt in die Kasse der Gemeinde und ihm anvertrauter Senioren aus dem klerikalen Umfeld gegriffen zu haben. Insgesamt habe er sich so seit 2013 widerrechtlich um knapp 300.000 USD bereichert.

Zu den Diebstahl-Opfern Gutgsells gehörte unter anderem der mittlerweile verstorbene ehemalige Priester Rev. Thomas Richling (†90). Gutgsell hatte die Vormundschaft für den seit 2016 wegen einer Demenzerkrankung in einem Pflegheim lebenden Geistlichen inne. In dieser Funktion war es ihm möglich, sukzessive 180.000 USD von dessen Konten zu stehlen.

Rund ein halbes Jahr nach dem Tod des Bestohlenen im Jahr 2019 hatte die Erzdiözese einen Untersuchungsbericht veröffentlicht. In diesem hatte sie zahlreiche Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs durch den seit 1971 im Dienst der katholischen Kirche tätigen Mann bestätigt.

Für Irritation in dem Fall sorgt insbesondere die Rolle des 40-jährigen Michael B. Laut Gutgsell habe er dem Obdachlosen, den er im Jahr 2013 kennengelernt habe, nicht nur die widerrechtlich beschafften Gelder der Gemeinde und Senioren überlassen.

Vielmehr habe der Geistliche dem Mann zudem seine gesamten Ersparnisse ausgehändigt, inklusive seiner Altersvorsorge und Geldern aus aufgelösten Versicherungen. Insgesamt summiere sich das geflossene Geld auf rund 700.000 USD.

Mit Kirchengeldern ins Casino

Laut Staatsanwaltschaft soll Michael B. die von seinem geistlichen Gönner erhaltenen Gelder komplett beim Glücksspiel verzockt haben. Insgesamt habe der wohnungslose Mann mindestens 1 Mio. USD in Casinos im US-Bundesstaat Iowa verloren. Mittlerweile sei er in diesen vom Spiel ausgeschlossen.

Medienberichten zufolge bemühe sich die Verteidigung, Michael Gutgsell als naives Opfer eines skrupellosen Betrügers zu porträtieren. So habe der Priester dem vom Leben nicht begünstigten Mann lediglich helfen wollen. Dieser habe stets beteuert, die erhaltenen Gelder zurückzuzahlen.

Derweil äußerte einer der vom Gericht befragten Ermittler einen anderen Verdacht:

Wir hatten den Eindruck, dass es sich um einen Erpressungsfall handelte. Wir haben ihn mehrmals gefragt, ob es einen anderen Grund gab, warum er diesem Mann 700.000 Dollar gegeben hat. Gutgsell sagte, es gebe keinen anderen Grund, als dass er ein Obdachloser sei. Er sagte, es sei keine Erpressung gewesen.

Licht ins Dunkle könnte wohl Michael B. selbst bringen. Dessen aktueller Aufenthaltsort sei jedoch unbekannt. Dass sich der Mann freiwillig an die Polizei wenden wird, scheint jedoch eher unwahrscheinlich. Aktuell soll er selbst in einem anderen Fall im Fokus von Ermittlungen stehen: Er wird verdächtigt, einen Priester erpresst zu haben.