Studie enthüllt: Der „Near Miss“ Effekt scheint keinen Einfluss auf pathologisches Glücksspiel zu haben

Veröffentlicht am: 28. September 2019, 05:30 Uhr. 

Letzte Aktualisierung am: 17. Oktober 2019, 03:44 Uhr.

Die Wissenschaftler Dr. Jeffrey Pisklak und Joshua Yong von der University of Alberta, Kanada, haben in diesem Monat eine Studie im Journal of Gambling Studies veröffentlicht. Die Forscher analysierten den Zusammenhang zwischen dem sogenannten „Near Miss“ (dt. Beinahe Gewinn) und der Fortsetzung des Spiels mit Spielautomaten.

Spielautomaten, Spielhalle
Near Miss Effekt beeinflusst vermutlich nicht pathologisches Glücksspiel. (Bild: pixabay.com)

Die Studie mit dem Titel “The Near-Miss Effect in Slot Machines: A Review and Experimental Analysis Over Half a Century Later” (dt: Der Near-Miss-Effekt bei Spielautomaten: Eine Rezension und experimentelle Analyse über ein halbes Jahrhundert später) soll die Erkenntnis hervorgebracht haben, dass der Near Miss Effekt keinen Einfluss auf das Spielverhalten habe.

Was ist der „Near Miss“ Effekt?

Lange kursierte in der Forschung die Annahme, dass bestimmte Signale an Spielautomaten, beispielsweise lautes Klingeln oder Animationen, Spieler dazu ermutigen könnten, ihr Spiel auch dann fortzusetzen, wenn sie nicht gewonnen hätten. Diese Signale stimulierten nach Annahme der Forscher das Belohnungszentrum des Gehirns.

Beim Spiel mit den Spielautomaten erhält der Spieler in der Regel eine Auszahlung, wenn mindestens drei gleiche Symbole auf einer Gewinnlinie erscheinen. Erspielt man aber zwei gleiche Symbole und ein anderes, zum Beispiel zwei Kirschen und eine Zitrone, wird dies als „Near Miss“, also „beinahe Gewinn“, bezeichnet.

Burrhus Frederic Skinner, der US-amerikanische Psychologe und einer der bekanntesten Vertreter des Behaviorismus, stellte vor 66 Jahren die These auf, dass Near Misses das Spiel am Spielautomaten förderten.

Die Inhalte der Studie zum „Near Miss“ Effekt

Pisklak und Yong führten im Rahmen ihrer Studie [Seite auf Englisch] unter der Federführung von Marcia Spetch, Professorin der Psychologie, drei Versuchsreihen mit Tauben und menschlichen Probanden durch.

Die Tauben mussten im Verlauf des Experiments nacheinander auf drei Walzen picken, um schließlich Futter zu erhalten. Das bedeutet, die Tauben erhielten einen Gewinn nach zwei Misserfolgen. Die menschlichen Probanden spielten mit Slotmaschinen.

Die Forscher stellten fest, dass Near Misses zwar die Gehirnaktivität und die Herzfrequenz erhöhten, allerdings habe in diesem Zusammenhang der Wunsch weiterzuspielen nicht bewiesen werden können.

Pisklak kommentiert:

“Speziesübergreifend konnten wir die Erkenntnis, dass Near Misses zu einer Erhöhung der Spielfrequenz führten, nicht bestätigen, obwohl allgemein angenommen wird, dass dies der Fall sein sollte.“

Pisklak ergänzte, dass es viele andere Faktoren gebe, die Menschen dazu motivieren, ihr Spiel fortzusetzen. Near Misses gehörten allerdings nicht dazu. Doch die Tatsache, dass der Zusammenhang zwischen Beinahe-Gewinnen und dem Wunsch, mehr zu spielen, nicht habe belegt werden können, bedeute keinesfalls, dass Menschen weniger anfällig für pathologisches Spielverhalten seien.

Pisklak und seine Kollegen werden sich voraussichtlich auch künftig mit diesem Thema befassen. So sei es notwendig, insbesondere Problemspieler zu testen, um die Ergebnisse der Studie zu untermauern.

Die Tricks der Casinos

Wie Pisklak sagte, könne der Near Miss die Spieler nicht dazu motivieren, ihr Spiel fortzusetzen, aber es ist möglich, dass die Casinos einige weitere Tricks anwenden könnten, um die die Gäste zum Verweilen an den Spieltischen oder Automatenspielen bringen.

Casinochips, Spieltisch, Stuhllehne
Im Casino wird mit Chips oder virtuellem Guthaben gespielt. (Bild: casino.org)

So gibt es in Spielhallen und Casinos meist keine Uhren und Fenster. Es ist also schwer festzustellen, ob Tag oder Nacht ist. Das Zeitgefühl soll so beeinflusst werden.

Spielbanken sind meist mit bunt-gemusterten Teppichen ausgelegt. Die grellen Farben und psychedelischen Designs sollen dafür sorgen, dass die Gäste wach bleiben.

Im Casino wird normalerweise nicht mit Bargeld gespielt, sondern mit Chips oder digitalem Guthaben. Das könnte zur Folge haben, dass die Spieler leichter den Überblick über ihre Bankroll verlieren. Außerdem könnte dies den Effekt haben, dass Chips oder digitales Geld schneller ausgegeben werden als Scheine oder Münzen.

Wer eine Spielbank besucht, erhält manchmal kostenlose Speisen und Getränke. Nach dem Konsum alkoholischer Getränke sind die Spieler möglicherweise nicht mehr in der Lage, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Allerdings ist dies in den deutschen Spielhallen mittlerweile untersagt.

Auch wenn die Near Misses nach Aussage der Forscher kaum Einfluss auf das Spielverhalten haben dürften, sollte sich dennoch jeder Spieler möglicher Gefahren des Glücksspiels vor dem Betreten einer Spielstätte gewahr werden.