Punkte für Prügel: Chinesisches Game nimmt Demokratie­aktivisten aus Hongkong ins Visier

Veröffentlicht am: 14. Dezember 2019, 05:30 Uhr. 

Letzte Aktualisierung am: 13. Dezember 2019, 04:03 Uhr.

Eigentlich verbietet die chinesische Führung Gewaltdarstellungen in Videospielen. Nun scheint Peking jedoch eine Ausnahme zuzulassen. Kürzlich berichtete die staatsnahe Tageszeitung Global Times über ein Game, bei dem gewinnt, wer seine Gegner am besten niederknüppelt. Ziel der Attacken in „Alle schlagen die Verräter“: Prominente Gesichter der Demokratiebewegung in Hongkong.

Everyone hit the traitors Spiel Screenshot
Spielspaß um Gewalt gegen politische Gegner: Everyone hit the traitors (Quelle:dalaoshu.net/)

Angebot statt Verbot?

Dass der lange Arm Pekings auch vor Unterhaltungsmedien keinen Halt macht, stellt die chinesische Führung regelmäßig unter Beweis. Um der Staatsdoktrin zu entsprechen, muss sich der Markt strengen Regeln unterwerfen. Seit kurzem könnte jedoch eine weitere Strategie auf dem Plan stehen: Statt allein auf Verbote, scheint Peking nun auch auf Angebote im Spielesektor zu setzen.

Mit dem Gratisgame „Everyone hit the traitors“ (dt. „Alle schlagen die Verräter“) schaffen die Macher eine bemerkenswerte Verbindung von Spielspaß und Gewalt gegen politische Gegner.

Eine eigens eingerichtete Ethik-Kommission untersucht Spiele vor dem Eintritt in den chinesischen Markt auf die Einhaltung sozialer und moralischer Standards. Die Darstellung von Glücksspiel, Prostitution und Gewalt ist verboten. Unternehmen der Gaming und Unterhaltungsbranche sind offiziell angehalten, „aktiv die sozialistischen Grundwerte zu fördern“ und den nationalen Geist zu reflektieren.

Das Spielprinzip von „Everyone hit the traitors“ ist denkbar einfach, wie auch die als Sprachrohr des Regimes geltende chinesische Tageszeitung Gobal Times berichtet (Seite auf Englisch). Ziel sei, es Verräter aufzuspüren, die versuchten, Hongkong von China abzuspalten und Gewalt auf den Straßen anzuheizen.

Menschenrechtler als Ratten

Vor Beginn der Runde wählt der Spieler seinen Hauptgegner aus. Zur Wahl stehen acht karikaturistisch dargestellte prominente Akteure der Demokratiebewegung. Darunter der international bekannte Aktivist Joshua Wong und der „Vater der Demokratie“ Martin Lee. Bei der Darstellung von Lee beweisen die Illustratoren besonderen Einfallsreichtum:

Joshua Wong
Auch Aktivist Joshua Wong wird in Everyone hit the traitors dargestellt (Quelle:wikipedia.org, licensed under CC0)

Der Menschenrechtsverfechter und Gründer der Democratic Party wird als Mischung von Mensch und Ratte dargestellt.

In dem simpel gehaltenen Game führt der gewählte Spezialgegner eine Gruppe vermummter Demonstranten an. Diese versuchen, den Bildschirm von links nach rechts zu durchlaufen. Gelingt es ihnen, ist das Spiel verloren.

Aufzuhalten sind die mit dem Namen „nutzlose Jugend“ versehenden Protestierenden durch Eierwürfe und gewaltsame Attacken. Um zuzuschlagen, wählt der Spieler zwischen seiner Hand, einer Flip-Flop-Sandale und einem Baseballschläger. Niedergestreckte Demonstranten werden als „verhaftet“ gekennzeichnet. Der Hauptgegner ist widerstandsfähiger als seine Unterstützer und muss deutlich öfter attackiert werden. Geht er zu Boden, ist das Spiel gewonnen.

Ventil für Frustrationen

Laut Global Times erfreue sich das Spiel unter Nutzern chinesischer Social Media Plattformen großer Beliebtheit. „Everyone hit the traitors“ biete Gamern ein Ventil, um den Ärger über die separatistischen Bestrebungen der „Abtrünnigen“ und die Straßenkämpfe in Hongkong zu kanalisieren, zitiert das Blatt einen Spieler namens Yang Qian:

Die Praktiken dieser modernen Verräter sind seit langem sehr ärgerlich. Während sie im echten Leben frei sind, sollten sie zumindest im Spiel für das bezahlen, was sie getan haben.

Inwieweit „Everyone hit the traitors“ tatsächlich so populär ist, wie behauptet, scheint jedoch fraglich. Recherchen der Seite abacusnews.com zufolge finde das Spiel auf den Social-Media-Plattformen WeChat, Weibo und Zhihu kaum Erwähnung.

Reaktion auf Pro-Protest-Games?

Es ist unklar, wer genau hinter „Everyone hit the traitors“ steckt. Beobachtern zufolge könnte das Spiel aber als Antwort des chinesischen Regimes auf eine Reihe von Games gewertet werden, die sich aus Perspektive der Aktivisten mit den Konflikten in Hongkong befassen.

So gelten beispielsweise „Liberate Hong Kong“, „The Revolution of Our Times“ und „Karma“ nicht nur eine Visualisierung der gewaltsamen Straßenkämpfe in Hongkong. Die Spiele, die den Nutzer beispielsweise Tränengasangriffe durch die Sicherheitsbehörden erleben lassen, verstehen sich als Teil der Protestbewegung. Sie verbreiten die Botschaft der Aktivisten auch im fernen Ausland.

Es ist möglich, dass Peking nicht selbst hinter der Entwicklung von „Everyone hit the traitors“ steht. Wenn es um unerwünschte Demokratie- und Unabhängigkeitsbestrebungen geht, scheinen jedoch andere Regeln zu gelten, als im restlichen chinesischen Gamingsektor.

Dass die Webseite des Spiels im zensurstarken China nach wie vor erreichbar ist, könnte möglicherweise ebenso wie der Artikel der Global Times darauf hinweisen, dass das Regime die Gewalt im Spiel wohl nicht nur billigt, sondern auch befürwortet.