Didi Hamann über Neuer-Comeback: „Ich hätte ihn nicht zurückgeholt
Der ehemalige deutsche Nationalspieler Didi Hamann sprach exklusiv mit casino.org kurz vor der diesjährigen Weltmeisterschaft.
Hamann, der 59 Länderspiele für Deutschland absolvierte, erklärte, dass bereits das Erreichen des Viertelfinals ein erfolgreiches Turnier für die Nationalmannschaft wäre. Gleichzeitig stellte er jedoch die Entscheidung infrage, Manuel Neuer nach dessen Rücktritt vor zwei Jahren wieder in den Kader zu holen.
Der ehemalige Bayern-München-Spieler sprach außerdem über weitere Themen, darunter Xabi Alonsos Wechsel als Trainer zu Chelsea, die Bundesliga-Saison von Borussia Dortmund sowie den Ausschluss von Southampton aus dem Championship-Playoff-Finale.
Darüber hinaus äußerte sich Hamann zur Entscheidung von Real Madrid, José Mourinho erneut zu verpflichten, sowie zur Kritik, die Kylian Mbappé von den Fans einstecken musste.

Trotz der Niederlage im Europa-League-Finale war es eine großartige Saison für Freiburg. Was müssen sie tun, um auch nächste Saison erfolgreich zu bleiben?
Didi: Der Trainer hat vor zwei Jahren einen Mann ersetzt, der 15 Jahre im Amt war. Er hat einen hervorragenden Job gemacht. Sie standen im Halbfinale des DFB-Pokals, wo sie sehr unglücklich in der 118. Minute kurz vor dem Elfmeterschießen gegen Stuttgart verloren haben.
Über weite Strecken haben sie sehr gut gespielt, ein Finale erreicht, die Saison auf Platz sieben beendet und sich für die Conference League qualifiziert. Wenn sie gestern gewonnen hätten, wären sie in der Champions League gewesen. Das wäre natürlich Neuland gewesen, aber da wollen alle hin. Der Unterschied ist enorm, deshalb werden sie enttäuscht sein.
Es sieht so aus, als würde der Torhüter diesen Sommer gehen, aber mit Mio Backhaus von Werder Bremen kommt bereits Ersatz. Johan Manzambi wird von vielen Vereinen aus der Bundesliga und der Premier League beobachtet, genauso wie Kiliann Sildillia. Gestern hat er zwar nicht besonders gut gespielt, aber er ist noch sehr jung. Freiburg wird wahrscheinlich zwei oder drei Spieler verlieren, und je nachdem, wie viel Geld sie bekommen, wird es nicht einfach sein, diese Spieler zu ersetzen.
Freiburg ist ein Verein, der es immer geschafft hat, Spieler zu entwickeln oder Spieler zu holen, die bei anderen Klubs nicht funktioniert haben, und dann das Beste aus ihnen herauszuholen. Deshalb glaube ich nicht, dass sich viel ändern wird. Sie werden auch nächste Saison wieder oben mitspielen.
Was hältst du davon, dass Southampton aus dem Championship-Playoff-Finale ausgeschlossen wurde?
Didi: Die Regeln wurden geändert, weil Marcelo Bielsa damals ebenfalls zugegeben hat, so etwas gemacht zu haben. Ich bin mir nicht sicher, ob das in Deutschland, Frankreich, Italien oder Spanien so häufig vorkommt.
Die Regeln wurden, glaube ich, vor ein paar Monaten angepasst. Die Strafe wirkt sehr hart, aber natürlich kannten sie die Regeln.
Der Southampton-Trainer sagte zwar, er habe die Regeln nicht gekannt, aber wenn das wirklich so war, hätte ihn jemand darauf hinweisen müssen. Es ist eine harte Strafe, sie aus dem finanziell wichtigsten Spiel im Fußball auszuschließen, aber ich denke nicht, dass sie sich groß beschweren können.
Hast du Mitgefühl mit dem Trainer?
Didi: Nicht wirklich, denn wie gesagt: Bielsa wurde dafür bereits bestraft. Ich glaube, damals gab es eine Geldstrafe von 200.000 Pfund. Er wusste also ganz genau, dass das gegen die Regeln verstößt. Ist die Strafe hart? Ja, absolut.
Kann man sich darüber beschweren? Nein. Habe ich Mitgefühl mit ihm? Wahrscheinlich nicht, weil er bewusst gegen die Regeln und Vorschriften verstoßen hat. Wenn man etwas falsch macht, muss man die Konsequenzen tragen. Deshalb kann man auch nicht erwarten, dass die Leute Mitleid haben. Die einzige mögliche Verteidigung wäre gewesen, wenn er die Regeln wirklich nicht gekannt hätte – aber er selbst hat gesagt, dass er sie kannte.
So etwas gab es schon früher, und die Regeln wurden geändert. Irgendjemand im Verein hätte ihn darauf aufmerksam machen müssen. Ich würde eigentlich erwarten, dass innerhalb des Klubs jemand davon wusste oder zumindest hätte wissen müssen, dass es Probleme geben könnte, falls man erwischt wird, und ihm sagt: „Pass auf, wir könnten hier ernsthaften Ärger bekommen.“
Deshalb kann ich nicht sagen, dass ich besonders viel Mitgefühl für ihn habe. Er kannte die Regeln und wusste, dass eine Strafe drohen würde. Vielleicht hat er nicht mit einer so harten Strafe gerechnet, aber ich denke, die EFL war vollkommen im Recht, so zu handeln.
Wie bewertest du die Saison von Borussia Dortmund?
Didi: In der Liga waren sie überragend. Am Ende lagen sie nur 16 Punkte zurück. Sie haben 73 Punkte geholt – das reicht in manchen Jahren sogar zur Meisterschaft.
Niko Kovač hat das Beste aus dieser Mannschaft herausgeholt. In der Vergangenheit wurde oft über mangelnden Willen, fehlenden Hunger und Mentalitätsprobleme gesprochen. Ich glaube, er hat genau das wieder in den Verein gebracht. Enttäuschend war natürlich das Ausscheiden gegen Atalanta in der Champions League. Das war bitter. Im Pokal sind sie gegen Leverkusen ausgeschieden, die an diesem Tag einfach sehr stark waren.
Ich denke, was ihnen fehlt, ist etwas mehr Kreativität im Offensivbereich. Sie tun sich schwer, Spiele mit Ballbesitz zu kontrollieren und klare Torchancen herauszuspielen. Oft verlassen sie sich auf Einzelspieler. Zu Saisonbeginn war das Gittens, später zeitweise Brandt. Aber ich glaube, ihnen fehlt jemand, der aus dem Nichts eine Chance kreieren kann.
Ich denke, genau dort suchen sie aktuell nach Verstärkung. Dann wird man sehen müssen, ob Guirassy beim Verein bleibt. Dortmund könnte möglicherweise die Chance haben, Nick Woltemade von Newcastle auszuleihen, weil er dort offenbar noch nicht richtig angekommen ist. Mit dem Trainer haben sie jedenfalls die richtige Wahl getroffen, denn er hat diese Saison wirklich das Maximum aus der Mannschaft herausgeholt.
Xabi Alonso ist zu Chelsea gewechselt. Kann er dort erfolgreich sein, obwohl es bei Real Madrid schwierig lief?
Didi: Ich halte das für eine großartige Entscheidung. Ich weiß nicht, ob er auf Liverpool gewartet hat, aber sobald Liverpool signalisiert hat, dass Arne Slot auch nächste Saison Trainer bleibt, hat er sich wahrscheinlich anderweitig umgesehen.
Chelsea hat eine sehr gute Wahl getroffen. Der Kader ist enorm talentiert, aber die letzten Trainer haben es nicht geschafft, das Beste aus der Mannschaft herauszuholen. Ich glaube allerdings, dass die Situation anders ist als bei Real Madrid, weil Chelsea nicht diese ganz großen Namen und Superstars im Kader hat.
Vielleicht hat er die Situation in Madrid ein wenig unterschätzt, aber ich bin ziemlich sicher, dass er bei Chelsea erfolgreich sein wird. Natürlich sind viele Liverpool-Fans enttäuscht, weil sie ihn für die perfekte Lösung gehalten haben. Liverpool muss ihm wohl sehr klar signalisiert haben, dass Slot bleiben wird.
Ich denke, Chelsea hat die Spieler, um erfolgreich zu sein. Am Ende hängt vieles vom Trainer ab. Man muss das Beste aus den Spielern herausholen und ein funktionierendes Gesamtgefüge schaffen. Cole Palmer hat bei Chelsea hervorragend angefangen, dann ging seine Formkurve aber nach unten, obwohl viele ihn schon als nächsten Superstar gesehen haben.
Im Moment wirkt er eher wie ein normaler Spieler, aber ich denke, Xabi wird die richtige Formel finden. Mit Florian Wirtz hat er das bei Leverkusen ebenfalls geschafft. Deshalb kann Chelsea sehr optimistisch sein, dass sich dort einiges verändern wird.
Manuel Neuer wird im WM-Kader stehen. Ist das die richtige Entscheidung?
Didi: Ich hätte ihn nicht zurückgeholt. Ich hätte das nicht gemacht, weil er nach der Europameisterschaft vor zwei Jahren zurückgetreten ist. Oliver Baumann hat die Qualifikation gespielt, gute Leistungen gezeigt und die Mannschaft in einigen Spielen mit fantastischen Paraden gerettet. Außerdem hat er eine starke Saison bei Hoffenheim gespielt, auch wenn ihm am Ende ein oder zwei Fehler unterlaufen sind. Deshalb denke ich, dass er es verdient hat zu spielen.
Und Neuer hat weiterhin Verletzungsprobleme. Er hat diese Saison viele Spiele verpasst. Ob er eine komplette Weltmeisterschaft ohne Verletzung übersteht? Da bin ich mir nicht sicher.
Ich hätte es vor allem nicht auf diese Weise gemacht. Wenn der Bundestrainer gedacht hat: „Ich will Neuer zurückholen“, dann ist das seine Entscheidung und seine Verantwortung. Aber er hätte Baumann zumindest ein paar Wochen früher sagen können: „Ich denke darüber nach.“
So wie es gelaufen ist, dachte Baumann selbst nach dem letzten Saisonspiel am Samstag noch, dass er die Nummer eins sei. Jetzt sieht es so aus, als wäre er es nicht mehr. Ich halte das für falsch.
Wie weit wird Deutschland bei der Weltmeisterschaft kommen und wer sind für dich die Favoriten?
Didi: Ich denke, wenn wir das Viertelfinale erreichen, wäre das schon ein gutes Ergebnis, denn ich glaube, es gibt fünf oder sechs Mannschaften, die den Titel holen können. In Europa wahrscheinlich vor allem Portugal, Spanien, England und Frankreich. Brasilien könnte ebenfalls sehr stark sein. Und ich glaube, auch die afrikanischen Teams werden bei diesem Turnier eine wichtige Rolle spielen.
Deutschland sollte das Viertelfinale erreichen, und dann braucht man natürlich auch etwas Losglück und Glück in den entscheidenden Spielen.
Portugal gefällt mir sehr gut, das muss ich sagen. Cristiano Ronaldo ist allerdings ein Thema – wenn er selbst bestimmt, wann und wie lange er spielt, könnte das kompliziert werden. Aber sie haben einen extrem talentierten Kader. England wird meiner Meinung nach ebenfalls weit kommen.
Und wie gesagt: Ich bin sehr gespannt auf einige afrikanische Teams. Ich glaube, die Elfenbeinküste könnte für Überraschungen sorgen. Deutschland hat sie in der Gruppe. Und mein Geheimfavorit könnte Brasilien unter Carlo Ancelotti sein. Bei den letzten Weltmeisterschaften haben sie nicht besonders überzeugt, aber ich denke, diesmal könnten sie weit kommen.
Kann José Mourinho die Fans und Kylian Mbappé bei Real Madrid wieder zusammenbringen?
Didi: Ich glaube, die Rückkehr von Mourinho ist ein Akt der Verzweiflung. Man hat wohl gedacht: „Wir holen den größten Namen zurück und hoffen einfach, dass er alles wieder in Ordnung bringt.“ Aber ich glaube, es braucht mehr als das. Ich denke, der Verein hat seinen Weg verloren.
Angefangen hat das mit dem Boykott der Ballon-d’Or-Gala, nachdem Vinícius Jr. die Auszeichnung nicht gewonnen hatte. Ich bin mir nicht sicher, ob Mourinho die richtige Lösung ist, denn meiner Meinung nach muss sich innerhalb des Vereins etwas verändern – vor allem die Kultur des Klubs.
Was die Petition gegen Mbappé angeht: Er hat eine riesige Fangemeinde. Bei 70 Millionen Menschen, die angeblich dafür unterschrieben haben, dass er gehen soll, glaube ich ehrlich gesagt, dass viele davon Chelsea-, Liverpool- oder Bayern-Fans sind, die hoffen, dass Real ihn günstig ziehen lässt.
Ich glaube nicht, dass das 70 Millionen Real-Madrid-Fans sind, die gegen ihn stimmen, denn er ist nach wie vor einer der besten Spieler der Welt – wenn nicht sogar der beste. Wie er sich innerhalb der Mannschaft verhält, kann ich nicht beurteilen. Natürlich gab es immer wieder Gerüchte.
Alles, was ich sagen kann: Ich habe ihn gegen Bayern München gesehen, und in beiden Spielen hat er wirklich alles versucht, um die Partie noch zu drehen. Ob Mourinho die Situation wieder stabilisieren kann, wird man sehen.
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